Frauen in der IT und Tech-Berufen

Frau sitzt am Laptop

Es gibt die unterschiedlichsten Ursachen, die Frauen daran hindern, in IT- oder Tech-Berufe einzusteigen. Wir ergründen diese Ursachen, aktuelle Tendenzen und sozio-ökonomische Lösungsansätze.

Hauptursachen für einen Mangel für Frauen in IT-Berufen

Für technische Berufe sind Frauen gleichwertig qualifiziert wie Männer. Meist schließen sie sogar das Studium in einer kürzeren Zeit und mit besseren Noten ab. Das Studium selbst stellt also kein Hindernis dar. Aber warum ist der Anteil weiblicher MINT-Fachkräfte heute immer noch so gering wie vor 10 Jahren?

Es gibt zwei große Aspekte, die Hauptursachen dafür sind. Wir teilen sie in „vor dem Studium“ und „nach dem Studium“.

Ansatz Erziehung

Schon in der Kindheit nehmen die Eltern durch ihre Haltung und Einstellung – ob bewusst oder unbewusst – Einfluss auf die zukünftige berufliche Entwicklung der Mädchen. Häufig haben sie andere Karriereerwartungen an die Töchter als aus ihrer Sicht für Söhne in Betracht kommt. Durch das Gesellschaftsbild wird dies verstärkt. So werden junge Frauen eher in soziale Berufe geschoben ganz nach dem Motto „Das liegt dir doch eher“.

Ansatz Unternehmen

Doch das Ganze ist nicht unbegründet. Auch heute noch haben Frauen in IT- oder Tech-Berufen geringere Aufstiegschancen und schlechtere Berufsaussichten als Männer. Man könnte doch meinen, dass die wenigen Frauen mit Kusshand genommen werden? Aber dem ist leider nicht so. Auf sie warten viel häufiger befristete Verträge, eine geringere Übernahmegarantie, schlechtere Bezahlung und auch die Sucharbeitslosigkeit unter den weiblichen Fachkräften ist höher.

Diese komplexe Problematik stellt einen Teufelskreis dar – denn wenn sich nichts an den Berufsaussichten verbessert, warum sollten Eltern ihren Töchtern zu technologischen Berufen raten?

Was kann aktiv für Frauen in IT-Berufen getan werden?

Die Unternehmen können dem aktiv entgegenwirken. Fast jedes Unternehmen auf dem Gebiet der IT sucht adäquate Fachkräfte. Würden sich mehr Frauen für solche Berufe entscheiden, könnte dies der starken Konkurrenz um Fachkräfte vielleicht schon (in ein paar Jahren) den ersten positiven Aufschwung verpassen.

Familie und Beruf

Für Frauen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger Faktor für die Wahl des Jobs. In männlich dominierten Berufen ist zum Beispiel eine Teilzeitquote fast nicht vorhanden. (Wir möchten im Übrigen die Frage in den Raum stellen, ob Männer in diesen Berufsgruppen automatisch von einer Rolle als „Hausmann“ ausgeschlossen werden.) Auch wird den Frauen der Wiedereinstieg in adäquate Positionen nach Erwerbsunterbrechungen ebenfalls erschwert.

Arbeitsplatzsicherheit als entscheidender Faktor

Wir würden uns wünschen, dass die MINT-Kultur ein wenig flexibler, offener und dadurch auch diverser werden würde. Unternehmen können klar das Statement vertreten, dass Frauen in technischen Berufen erwünscht sind und die gleichen Karrierechancen haben wie Männer. Und mit vertreten meinen wir: handfest umsetzen.

Es fängt bei einer formalisierten Rekrutierungspolitik an, bei der niemand bevorzugt oder benachteiligt wird. Auch können verbindliche Gleichstellungsziele aufgesetzt werden, deren Durch- und Umsetzung durch regelmäßige Audits sichergestellt wird. Folge davon wären eine schon mittelfristig größere Arbeitsplatzsicherheit und bessere Aufstiegschancen. So kann auch ein Angebot an Fort- und Weiterbildungsprogrammen, besonders nach Erwerbsunterbrechungen, den Einstieg für Frauen erleichtern und ihnen Selbstvertrauen geben.

Das Gender-Equality Paradox – ist es normal, dass in europäischen Ländern weniger Frauen MINT-Berufe ausüben?

Das Gender-Equality Paradox, welches von den Psychologen G. Stoet und D. C. Geary aufgestellt wurde, besagt: Ausgerechnet in den Ländern, in denen die Gleichstellung von Mann und Frau weit fortgeschritten ist, entscheiden sich relativ wenige Frauen für MINT-Berufe. In Entwicklungs- und Schwellenländern ist dies oft genau umgekehrt.
Sie haben untersucht, ob es eine geschlechterspezifische MINT-Präferenz gibt. Vertreten wird die These, dass Frauen eher dann IT-Berufe wählen, wenn sie sich dadurch gesellschaftlich weiterentwickeln können, beispielsweise durch einen anerkannten Beruf und ein hohes Gehalt. In der westlichen Kultur stehen Frauen, wie Männern auch, unterschiedliche Möglichkeiten der Existenzsicherung zur Verfügung. Frauen haben grundsätzlich ein Recht auf Bildung und einer freien Berufswahl, entscheiden sich aber vermeintlich bewusst nicht für MINT-Berufe.

Author’s Note

Wir möchten kurz darauf hinweisen, dass wir nicht diskriminieren wollen, wenn wir Frauen und Männer explizit als Geschlecht benennen. Es heißt ja auch Gender-Equality Paradox, also Gleichstellung der Geschlechter. Bisher konnten wir leider keine Zahlen finden, die auch das diverse Geschlecht ausreichend präsentieren. Deshalb können wir uns leider nur auf die Gegenüberstellung der Unterschiede zwischen der weiblichen und männlichen Berufswahl beziehen. Wir hoffen, dass in Zukunft auch Menschen diverser Geschlechter mit in Studien einbezogen werden und wir auch diese Entwicklungen in unseren Artikeln kommentieren und auswerten können.


Doch es gibt auch Kritik an diesem Paradoxon, weil die errechneten Zahlen von Stoet und Geary nicht repräsentativ seien. Die Psychologen beziehen sich in ihrer Studie beispielsweise auf die UNESCO-Abschlussstatistik oder den GGGI (Global Gender Gap Index). Einige renommierte Harvard Professor:innen kritisierten, dass diese Zahlen (Faktoren) ungeeignet für die Studie seien, da sie nichts über individuelle MINT-Präferenzen oder individuelle Erfahrungen mit Geschlechterungleichheit aussagen.

Exkurs nach Indien


Die Informationstechnologie ist eine der führenden Branchen sowie das wichtigste Exportgut Indiens geworden. Noch viel mehr als in Europa verspricht deshalb ein Job in dieser Branche finanzielle Sicherheit. Deshalb sind IT-Jobs äußerst beliebt. Es gibt auch Frauen, die in Indien den Schritt in Richtung IT wagen- und der Anteil ist vergleichsweise hoch! Ganze 30 Prozent IT-Fachkräfte sind Frauen. Und das, obwohl das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Studierenden an den hochrenommierten Technischen Universitäten (IITs) des Landes bei 11:1 liegt. Für Familien ist es nicht leicht, das benötigte Geld für diese Ausbildung für eine Tochter zu erwirtschaften. Das gibt Bewerberinnen einen eindeutigen Nachteil. Und doch sind ein Drittel der Berufstätigen in der IT-Branche Frauen, was eindeutig für das Gender-Equality Paradox spricht.

Schaut man sich den Anteil der berufstätigen Frauen in Indien an, wirkt die Zahl 24 Prozent erschreckend gering. In Indien hat die Familie einen so hohen Stellenwert in der Gesellschaft, dass sich für viele Frauen gar nicht erst die Frage stellt, ob sie einen Beruf ausüben wollen. Sie müssen sich als Individuen den Belangen der Gemeinschaft unterordnen. Eine Trendbewegung ist allerdings vor allem in der wachsenden Mittel- und Oberschicht zu erkennen. So bestehen immer mehr Frauen darauf, auch nach der Heirat außerhalb des Familienhaushaltes zu arbeiten. Im Notfall kommt es dazu, dass sie sich zwischen Familie und Karriere für letzteres entscheiden und auf eine Heirat verzichten.

Weiterführender Ausblick

In einem zweiten Artikel zu diesem Thema wollen wir uns mit der bereits aufgeworfenen Frage nach dem MINT-Berufswunsch der Frauen beschäftigen. Lässt sich die umstrittene These des Gender-Equality Paradox wirklich halten? Welche Rolle spielt dabei auch die Selbsteinschätzung bei der Wahl technischer Fächer in Ausbildungs- und Studien-Richtungen?


Bildquelle StartupStockPhotos

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